Der schlaue Zwerg

Ein modernes Märchen
 
Es war einmal an einem heißen Sommertag, als ein kleiner Zwerg - nicht größer als 20 Zentimeter - mit winzigen Inline-Skatem an den Füßchen und einer verkehrt aufgesetzten Baseball-Kappe haarnadelscharfgenau vor der Eingangstür der Stadtbibliothek bremste. Vorsichtig guckte er durch die gläserne Türe und sah viele Kinder, die ihre Nasen in die Bücher steckten. "Hier bin ich richtig", dachte der Zwerg erleichtert, zog seine Skater aus und ging hinein.

Zwerge

Er schlüpfte zwischen den vielen langen Beinen hindurch direkt in die Kinderbuchabteilung und hüpfte mit einem Satz auf den Schreibtisch der Leiterin. Erstaunt sah sie über den Rand ihrer Brille. "Ich will hier wohnen", verkündete der kleine Zwerg, der Bücher und Kinder über alles liebte. "Das geht auf gar keinen Fall" entschied die Leiterin, "die Bibliothek schließt um sieben und alle müssen nach Hause gehen. Hier wohnen nur Bücher." Doch so schnell gab der Zwerg nicht auf. "Ich bin so schlau wie alle deine Bücher zusammen", beharrte er, "Deshalb habe ich ein Recht, hier zu wohnen. Die Kinder brauchen mich". Und er schlug der Leiterin eine Wette vor. "Gib mir die sieben dümmsten Kinder dieser Stadt", sagte er, "und lass mich mit ihnen spielen. Wenn sie nach drei Versuchen nicht klüger geworden sind, verschwinde ich auf der Stelle dahin, wo ich hergekommen bin. Haben sie aber etwas dazugelemt, bleibe ich hier". Die Leiterin schlug sofort ein, denn sie merkte wohl, dass es nichts zu verlieren gab.
 
Am ersten Nachmittag spielte er mit den sieben dummen Kindern mit Zahlen. Sie würfelten mit riesigen Würfeln und der Zwerg purzelte zum Spaß der Kinder durch die Bibliothek. Am zweiten Nachmittag erfanden sie um die Wette Geschichten. Diese waren so komisch, dass sie sich halb tot lachten. Als die Leiterin das sah, schüttelte sie den Kopf "Nein", dachte sie bei sich, die werden wohl nichts lernen". Als der Zwerg mit den Kindern am dritten Nachmittag bunte Formen und Figuren suchte und durch die ganze Bibliothek fetzte, lachte die Leiterin leise vor sich hin. Sie dachte nämlich, sie habe die Wette bereits gewonnen.
 
Wie erstaunt war sie, als ein Test ergab, dass die Kinder viel klüger geworden sind. Sie verstand es nicht. "Es ist der Spaß, verriet der Zwerg ihr und lachte verschmitzt. "Kinder können nur lernen, wenn sie lachen. Und kein Buch kann Kinder so gut zum Lachen bringen wie ein lustiger Zwerg".
 
Die Leiterin dachte noch lange über diese Worte nach und musste zugeben, dass der Zwerg recht hatte. Weil er die Wette gewonnen hatte, aber auch weil die Kinder ihn nicht mehr hergeben wollten, durfte er seit diesem Tag in der Stadtbibliothek wohnen. Und dort finden ihn Kinder, die schlau werden wollen, noch heute.

Anja

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